Es ist ein heisser Sommertag, schönes Wetter. Ich bin um 16 Uhr in der Blindenwohnstätte zum Verwandtenbesuch. Oder ist es Arbeit?
Mein Verwandter und ich unterhalten uns lange, ich koch für mich Kaffee und für ihn Tee. Bis 19 Uhr 30 sehe ich zu, dass er 800 ml trinkt und 800 Kalorien isst. Sowohl Essens- und auch Trinkmenge stimmen sonst nicht mit seinem Bedarf überein. Das gelernte Fachpersonal schafft das nicht. Ich bin Kummer mit der Pflege gewohnt. Die Leihpflegerin seh ich erst, als sie gegen 18 Uhr das Abendbrot verteilt.
Mein Verwandter erzählt mir von einem alten Film: "Eines langen Tages Reise in die Nacht". Wir sprechen über Zeitgeschichte damals, über "Die Katze auf dem heissen Blechdach", Hochhuts "Soldaten", über den Misanthropen und Juhnkes Theaterstücke im Renaissance Theater.
Wir hören Nachrichten im Radio. Ich les weiter aus dem Krimi vor, es wird spannend.
Mein Verwandter erzählt vom Mittagessen in der Blindenwohnstätte: Immer kleingeschnittenes Fleisch, alles schmeckt für mich wie Gulasch. Er wünscht sich ein halbes Hühnchen vom Grill von Reichelt/Edeka. Nun, das ist eine leichte Übung. Wird demnächst erledigt.
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Mittwoch, 17. Juli 2013
Dienstag, 21. Februar 2012
Die Leute gehen zum Sterben hin
Die Leute gehen zum Sterben ins Augustinum, sagte mein Verwandter mehrfach. Er erzählte von einer Veranstaltung vor geraumer Zeit im Theatersaal, da meldete er sich zu Wort, das Augustinum erinnere ihn an einen Film: "Im Tal des Todes". Eine Herde alter Elefanten verkroch sich zum Sterben in einem Vulkankrater, im heissen Schlamm und dann kamen auch noch die Leichenfledderer und brachen den Elefanten die Elfenbeinstosszähne aus. Er sagte, dass die eine Hälfte der Anwesenden empört war und die andere Hälfte ihm zustimmte.
Nun ist das ja Mist 14 Jahre im Augustinum zu leben, auf den Tod zu warten, wie "Warten auf Godot" und man wollte dort gar nicht einziehen, sondern der verstorbene schwerbehinderte Ehepartner. Viel passiert in der Zeit, man wird blind, die dort geschlossenen Freundschaften sind inzwischen verstorben, man wird in den Demenztreffpunkt abgeschoben, weil die Beine nicht mehr so gut wollen und man blind ist...
Man findet keine neuen Freunde, geschweige denn eine neue Frau und verliert so langsam die Lust am Leben. Blind findet man sich im Augustinum nicht zurecht und braucht viel Hilfe, die man eigentlich von der Familie nie in Anspruch nehmen wollte. Hilfe, die das Augustinum nicht gibt, weil sie keine Blindheit erkennen. Sie sind, wenn überhaupt, auf Demenz geeicht. Die Rente reicht nicht für die Wohnung, zu gross geworden, aber mit 90 Jahren findet man sich blind schwer in einer anderen Wohnung zurecht. Das ist schon gemein, da möchte man aufgeben. Die im Augustinum gebotene Ablenkung oder Zerstreuung beim Warten auf den Tod kann man blind schlecht nutzen.
90 Jahre alt zu werden war sein Ziel, das hat er mit meiner Hilfe erreicht.
So, und nun, wie weiter? Wo ist ein neuer Lebensinhalt oder Sinn? Zur Zeit kann ich keinen für ihn erkennen.
Seine Frau meinte, es sei schön in der Wohnung gepflegt zu werden bis zum Tod. Sie erkannte, dass das für sie nicht zutraf und verstarb schliesslich, besser behütet und umsorgt und versorgt, in einem Krankenhaus.
Und als die Russinnen ihn im Augustinum versorgen kamen, da fragte ich ihn, wo der Unterschied zwischen seiner mehrjährigen Kriegsgefangenschaft in Russland und dem Augustinum ist. Er sagte: In Russland liefen die Hunde am Zaun. Und sprach viel in russischer Sprache... Die missliche Vergangenheit hatte ihn eingeholt.
30 Stunden hab ich ihm vorige Woche geholfen und kann ihm doch im Augustinum nicht helfen.
Würd er sagen, es geht ihm nicht gut, dann würden sie ihm einen Psychologen schicken.
Und notieren in ihrer Akte: Bewohner geduscht, Bewohner fühlt sich wohl...
Und er träumte immer von einem Lebensabend in einem ganz normalen Heim, am liebsten beim Deutschen Roten Kreuz.
Nun ist das ja Mist 14 Jahre im Augustinum zu leben, auf den Tod zu warten, wie "Warten auf Godot" und man wollte dort gar nicht einziehen, sondern der verstorbene schwerbehinderte Ehepartner. Viel passiert in der Zeit, man wird blind, die dort geschlossenen Freundschaften sind inzwischen verstorben, man wird in den Demenztreffpunkt abgeschoben, weil die Beine nicht mehr so gut wollen und man blind ist...
Man findet keine neuen Freunde, geschweige denn eine neue Frau und verliert so langsam die Lust am Leben. Blind findet man sich im Augustinum nicht zurecht und braucht viel Hilfe, die man eigentlich von der Familie nie in Anspruch nehmen wollte. Hilfe, die das Augustinum nicht gibt, weil sie keine Blindheit erkennen. Sie sind, wenn überhaupt, auf Demenz geeicht. Die Rente reicht nicht für die Wohnung, zu gross geworden, aber mit 90 Jahren findet man sich blind schwer in einer anderen Wohnung zurecht. Das ist schon gemein, da möchte man aufgeben. Die im Augustinum gebotene Ablenkung oder Zerstreuung beim Warten auf den Tod kann man blind schlecht nutzen.
90 Jahre alt zu werden war sein Ziel, das hat er mit meiner Hilfe erreicht.
So, und nun, wie weiter? Wo ist ein neuer Lebensinhalt oder Sinn? Zur Zeit kann ich keinen für ihn erkennen.
Seine Frau meinte, es sei schön in der Wohnung gepflegt zu werden bis zum Tod. Sie erkannte, dass das für sie nicht zutraf und verstarb schliesslich, besser behütet und umsorgt und versorgt, in einem Krankenhaus.
Und als die Russinnen ihn im Augustinum versorgen kamen, da fragte ich ihn, wo der Unterschied zwischen seiner mehrjährigen Kriegsgefangenschaft in Russland und dem Augustinum ist. Er sagte: In Russland liefen die Hunde am Zaun. Und sprach viel in russischer Sprache... Die missliche Vergangenheit hatte ihn eingeholt.
30 Stunden hab ich ihm vorige Woche geholfen und kann ihm doch im Augustinum nicht helfen.
Würd er sagen, es geht ihm nicht gut, dann würden sie ihm einen Psychologen schicken.
Und notieren in ihrer Akte: Bewohner geduscht, Bewohner fühlt sich wohl...
Und er träumte immer von einem Lebensabend in einem ganz normalen Heim, am liebsten beim Deutschen Roten Kreuz.
Samstag, 11. Februar 2012
Prospekt
Da lag ein Reiseprospekt in meinem Briefkasten. 6 Tage Österreich - mit dem Bus 299 Euro. 8 Tage Italienische Adria 299 Euro. Es muss 6 oder 7 Jahre her sein, dass ich auf ein Wochenende einmal in Dresden war.
Früher bin ich so gern mal verreist.
Seit Jahren fast täglich Arbeit, Augustinum, Schlaf. Das ist alles.
Das ist mein Leben. Nichts weiter.
Blinde brauchen eine Bezugsperson, eine Vertrauensperson, ich ersetz einem Blinden die Augen, sehe für ihn. Erledige alles für ihn.
Das Augustinum erkennt Blindheit nicht so an, wie der Gesetzgeber. Sie kennen Pflegebedarf etc. Pflege nach SGZ.
Aber sie verlangen bei Veranstaltungen Eintritt von der Begleitperson.
Freifahrt für Blinde, Begleitperson oder Hund in der BVG, Bahn etc. so geht das ausserhalb des Augustinums. Ich finde kaum etwas Blindengerechtes im Augustinum. Mein Verwandter nimmt im Augustinum kaum jemals an Veranstaltungen teil, er war noch nie im Schwimmbad, obwohl er gut schwimmen kann. Im Fahrstuhl sind die Knöpfe auch in Braille. Aber was nützt das? Sagt mein Verwandter: Bis ich das gefühlt habe, hat in dem grossen Haus längst wer woanders die Knöpfe gedrückt und der Fahrstuhl fährt mich hin, wo ich nicht hin will. Dann steig ich in der falschen Etage aus und hab Mühe zurück zu finden.
Ein Zivi ging damals mit ihm. Stufe hat er zu meinem Verwandten gesagt. Antwort meines Verwandten: Damit kann ich nichts anfangen, nehm ich den Fuss hoch und es geht runter, dann tut es mir im Rücken weh, weil ich auf zwei Stufen runter nicht gefasst bin. Stufe hoch oder Stufe runter?
Es gab vor Jahren Ärger mit einer Bewohnerin im Foyer, er kam mit Pendelstock und grosser gelber Blindenbinde am Sakkoärmel, die mit den drei Punkten, und verlangte, sie soll die 5 Meter lange Hundeleine (Flexileine), total ausgerollt von ihrem Dackel, einrollen. Verlangte von ihr die Beseitigung der rücksichtslosen Stolperfalle. Sie war darüber beleidigt, wie konnte er nur. Das Augustinum ist nicht blindengeeignet, nicht wirklich.
Mein Verwandter sagt eine beständige Pflegekraft wäre besser als die wechselnden Pflegekräfte morgens, mittags, nachmittags, abends die die erledigte Tätigkeit unterwegs in ihren Computer tippen.
Hier ein kleiner Einblick in den Umgang mit Blinden.
http://www.dbsv.org/fileadmin/publikationen/20_265_Testwarenkorb/DBSV_Brosch_NichtSo.pdf
Dieser Herr Rückert, Chef des Augustinum sagte, so las ich es, er sei dagegen, dass 50 % der Pflegekräfte gelerntes Personal sein müssen. Ich widerspreche! Die gelernten Kräfte im Augustinum verhalten sich ein wenig besser einem Blinden gegenüber, als die ungelernten Kräfte. Die verstehen von Blindheit nichts. Da ist dann ein Apartment, wo für einen Blinden alles an seinem Platz sein muss, ein Chaos. Das lähmt, dann hat ein Blinder Angst Dinge zu zerbrechen.
Sozialkontakte, Freunde hab ich auch keine mehr. Mir fehlt die Zeit. Mir fehlt die Kraft. Ich werd alt, möcht auf Rente.
Ich hab meine Oma versorgt bis sie starb. Das war vor der blödsinnigen Pflegeversicherung. Mein Grossvater wurde zu Hause versorgt von Onkel und Tante. Vor der Pflegeversicherung. Auch er war blind.
Blindengeld war um etliches besser als die jetzige Pflegesituation.
Augustinum ist schlimm, Augustinum kostet mich meine Lebenszeit. Das Augustinum frisst mich auf.
Ich hätt meinen Verwandten gern in einem guten Blindenheim in Berlin, zu mir ziehen will er nicht gern. Aber einen 90jährigen, der 14 Jahre im Augustinum lebt, trau ich mich nicht umzusetzen. Er wollt dort im Augustinum nicht einziehen, seine Frau wollte dort hin, wegen ihrer Pflegebedürftigkeit. Damals war er noch sehend.
Früher bin ich so gern mal verreist.
Seit Jahren fast täglich Arbeit, Augustinum, Schlaf. Das ist alles.
Das ist mein Leben. Nichts weiter.
Blinde brauchen eine Bezugsperson, eine Vertrauensperson, ich ersetz einem Blinden die Augen, sehe für ihn. Erledige alles für ihn.
Das Augustinum erkennt Blindheit nicht so an, wie der Gesetzgeber. Sie kennen Pflegebedarf etc. Pflege nach SGZ.
Aber sie verlangen bei Veranstaltungen Eintritt von der Begleitperson.
Freifahrt für Blinde, Begleitperson oder Hund in der BVG, Bahn etc. so geht das ausserhalb des Augustinums. Ich finde kaum etwas Blindengerechtes im Augustinum. Mein Verwandter nimmt im Augustinum kaum jemals an Veranstaltungen teil, er war noch nie im Schwimmbad, obwohl er gut schwimmen kann. Im Fahrstuhl sind die Knöpfe auch in Braille. Aber was nützt das? Sagt mein Verwandter: Bis ich das gefühlt habe, hat in dem grossen Haus längst wer woanders die Knöpfe gedrückt und der Fahrstuhl fährt mich hin, wo ich nicht hin will. Dann steig ich in der falschen Etage aus und hab Mühe zurück zu finden.
Ein Zivi ging damals mit ihm. Stufe hat er zu meinem Verwandten gesagt. Antwort meines Verwandten: Damit kann ich nichts anfangen, nehm ich den Fuss hoch und es geht runter, dann tut es mir im Rücken weh, weil ich auf zwei Stufen runter nicht gefasst bin. Stufe hoch oder Stufe runter?
Es gab vor Jahren Ärger mit einer Bewohnerin im Foyer, er kam mit Pendelstock und grosser gelber Blindenbinde am Sakkoärmel, die mit den drei Punkten, und verlangte, sie soll die 5 Meter lange Hundeleine (Flexileine), total ausgerollt von ihrem Dackel, einrollen. Verlangte von ihr die Beseitigung der rücksichtslosen Stolperfalle. Sie war darüber beleidigt, wie konnte er nur. Das Augustinum ist nicht blindengeeignet, nicht wirklich.
Mein Verwandter sagt eine beständige Pflegekraft wäre besser als die wechselnden Pflegekräfte morgens, mittags, nachmittags, abends die die erledigte Tätigkeit unterwegs in ihren Computer tippen.
Hier ein kleiner Einblick in den Umgang mit Blinden.
http://www.dbsv.org/fileadmin/publikationen/20_265_Testwarenkorb/DBSV_Brosch_NichtSo.pdf
Dieser Herr Rückert, Chef des Augustinum sagte, so las ich es, er sei dagegen, dass 50 % der Pflegekräfte gelerntes Personal sein müssen. Ich widerspreche! Die gelernten Kräfte im Augustinum verhalten sich ein wenig besser einem Blinden gegenüber, als die ungelernten Kräfte. Die verstehen von Blindheit nichts. Da ist dann ein Apartment, wo für einen Blinden alles an seinem Platz sein muss, ein Chaos. Das lähmt, dann hat ein Blinder Angst Dinge zu zerbrechen.
Sozialkontakte, Freunde hab ich auch keine mehr. Mir fehlt die Zeit. Mir fehlt die Kraft. Ich werd alt, möcht auf Rente.
Ich hab meine Oma versorgt bis sie starb. Das war vor der blödsinnigen Pflegeversicherung. Mein Grossvater wurde zu Hause versorgt von Onkel und Tante. Vor der Pflegeversicherung. Auch er war blind.
Blindengeld war um etliches besser als die jetzige Pflegesituation.
Augustinum ist schlimm, Augustinum kostet mich meine Lebenszeit. Das Augustinum frisst mich auf.
Ich hätt meinen Verwandten gern in einem guten Blindenheim in Berlin, zu mir ziehen will er nicht gern. Aber einen 90jährigen, der 14 Jahre im Augustinum lebt, trau ich mich nicht umzusetzen. Er wollt dort im Augustinum nicht einziehen, seine Frau wollte dort hin, wegen ihrer Pflegebedürftigkeit. Damals war er noch sehend.
Mittwoch, 1. Februar 2012
Bitte Namen nennen
"Bitte Namen nennen, bin blind."
Ich hab heute wieder einmal so einen grossen Zettel aussen an die Tür gemacht.
Die Pfleger gehen immer ins Apartment, vergessen die Regeln der Blindenpflege und sagen:
"Hallo Herr Sowieso."
Das ist sehr unhöflich und zwingt Blinde zum Raten und macht den Blinden unsicher.
Solch ein Zettel nutzt im Augustinum nur kurze Zeit, dann ist alles wieder so, wie die Pfleger es wollen.
Der Teppich warf wieder Falten, die gebrauchten Servietten lagen auf dem Tisch, die Wärmflasche lag heute auf dem Wäschepuff im Bad, aber da gab es ja die Schweinerei gestern nachts, da lief die Wärmflasche im Bett aus...
Ich hab heute wieder einmal so einen grossen Zettel aussen an die Tür gemacht.
Die Pfleger gehen immer ins Apartment, vergessen die Regeln der Blindenpflege und sagen:
"Hallo Herr Sowieso."
Das ist sehr unhöflich und zwingt Blinde zum Raten und macht den Blinden unsicher.
Solch ein Zettel nutzt im Augustinum nur kurze Zeit, dann ist alles wieder so, wie die Pfleger es wollen.
Der Teppich warf wieder Falten, die gebrauchten Servietten lagen auf dem Tisch, die Wärmflasche lag heute auf dem Wäschepuff im Bad, aber da gab es ja die Schweinerei gestern nachts, da lief die Wärmflasche im Bett aus...
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