Sonntag, 4. März 2012

Rückblick

Ich hab mal zurück gedacht. Wann war es mal schön im Augustinum? Die letzten unbeschwerten, netten Besuche waren Heilig Abend und Sylvester. Alle anderen waren mit Anspannung, Sorgen, Wut im Bauch, Überarbeitung usw. Das ist keine gute Quote, das ist keine Empfehlung für das Augustinum.

Samstag, 3. März 2012

Durchwachsen

Als ich heut nachmittags ins Schliessfach komme, da sind in einem Zimmer die Rolläden nur halb hochgezogen und im anderen Zimmer gar nicht, stockduster. Im Kühlschrank ist nichts an seinem Platz, trotz Beschriftung, im Bad liegt die Wärmflasche neben dem Waschbecken... Chaos, wie fast immer. So findet sich ein Blinder nicht zurecht und ich bin der Dienstbote der Pflege.
Ich pack die Lebensmittel weg, die ich mitgebracht hab, bearbeite die viele Post.
Wir gehen ins Cafe-Restaurant. Es ist dort schön, wie immer. Himbeertorte gibt es und Kaffee und alle sind super nett.
Im Schliessfach machen wir uns noch eine heisse Tasse, dann kommt der Pflegeroboter und tut meinem Verwandten beim Ausziehen weh.
Ich geh nach 20 Uhr und bin kurz vor 21 Uhr zu Hause.
Ständig muss ich ins Augustinum. "Pflege im eigenen Apartment" ist sehr teurer Mist, gelinde gesagt. Von "Selbständigkeit im Alter", die sie versprechen, keine Spur.
Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr bin ich der Dreckpussel und Dödel dieses miesen und sehr teuren Systems. Den Erfindern wünsch ich manchmal: In der Hölle sollen sie braten. Irgendwo gibt es doch Gerechtigkeit, das glaub ich fest. Sie vermanschen mir mein Leben.

Freitag, 2. März 2012

Der Computer

Um 16 Uhr 30 bin ich im Augustinum, bepackt mit Einkäufen für meinen Verwandten. Ich koch uns Kaffee und dann fahr ich meinen Verwandten im Rollstuhl zum Computer im ersten Stock. Er geniesst die Abwechslung. Wir lesen diverse Tageszeitungen im Internet.
Räuberpostillen, Artikel über den Bundespräsidenten und über Hertha BSC. Das mit dem Computer macht meinem Verwandten grossen Spass und wir reden auch jedesmal mit dem Empfang. Wenigstens kommt mein Angehöriger so mal aus seinem Schliessfach. Es kann recht einsam sein im Augustinum.
Im Apartment ist alles verstreut, im Kühlschrank auch. Da hat man nun Schilder angeklebt, wo alles hingehört, aber wer da gearbeitet hat, der kann offensichtlich nicht lesen.
Dann mach ich Abendbrot und er hat eine neue Druckstelle im Mund und das Gebiss ist lose und klappert.
Abends, endlich wieder zu Hause, schreib ich erstmal eine Mail, bitte um nochmalige Reparatur des Gebisses.

Donnerstag, 1. März 2012

Anruf

Ich ruf an, bekomme zu hören: Das Gebiss ist gewöhnungsbedürftig. Na, ob das was wird. Ich merk das ja dann am Wochenende.
Ausserdem soll mein Verwandter nachts den Empfang bemüht haben, man habe bei ihm geklingelt. Das ist technisch nicht mehr machbar, es wurde auch überprüft. Mein Angehöriger träumt in letzter Zeit einen Haufen Mist zusammen. Das erzählt er mir dann ab und an, wenn ich da bin. Ich erleb das dann morgen wieder, wenn ich ihn mit Lebensmitteln bepackt aufsuche. Heute ist Pause.

Vortrag: Rumänien: Zwischen gestern und heute

Am 1. März ist ein Vortrag im Theatersaal. Zu Gast ist die Rumänienhilfe der Evangelischen Auferstehungskirchengemeinde Kleinmachnow. Um Spenden wird gebeten.
Das ist nichts für mich. Ich hasse diese Scheibenputzer, diese schwarzen Bettler, diese aufdringlichen U Bahn Musikanten, diese Hütchenspieler. Sie verunsichern uns in Berlin.
Nö, da geh ich nicht hin und da geb ich nichts.
Ich möcht auch nicht, dass unsere Politik mit meinen Steuern den Strassenbau in Rumänien finanziert. Punktum.
Noch eine Tafel, eine Suppenküche, einen Kältebus, ja bitte. Da geb ich gerne. Nächstenliebe.
Wieso meinen die Kirchen bloss, dass mein Nächster in Afrika oder Rumänien ist?

Begehrteste Wohnlage?

Wer angibt hat mehr vom Leben. Das Augustinum preist das Haus als begehrteste Wohnlage an.
Also, das Land war mal der Todesstreifen, DDR Grenzgebiet, und war wahrscheinlich preisgünstig zu haben. Aus Berlin vom Bus gibt es einen längeren Fußweg zum und entlang des Augustinums, schön grün, an einem Pfuhl (Teich) entlang, recht einsam und nichts für ängstliche Menschen bei Dunkelheit. Die vordere Seite, Zufahrt zum Augustinum ist tatsächlich kleinmachnower Villenlage. Das ist aber nur ein ganz kleiner Teil des Augustinums. Dann grenzt eine niedliche Laubenkolonie an den Augustinum Komplex und dann der Teltowkanal, gegenüber am Kanal ist teltower Gewerbegebiet, áuch mit Verbrauchermärkten und Autoreparaturwerkstätten und hinten, an einem kleinen Hafenbecken des Kanals ist die ganze Rückfront ein Recyclinghof von ALBA.
Es ist das Ortsende von Kleinmachnow und nur mit dem PKW oder Taxe wirklich bequem zu erreichen. Auf teltower und berliner angrenzenden Seiten ist Gewerbegebiet.
Mein Verwandter hat früher in besserer Wohnlage gelebt.
Natürlich ist die Lage toll, wenn man früher aus seiner Wohnung auf eine Hinterhofbrandmauer in Berlin gesehen hat. Aber dies trifft wohl auf die Bewohner kaum zu.

Es schlaucht

Es ist anstrengend jeden Tag nach der Arbeit ins Augustinum zu fahren.
Heute war ich wieder 4 Stunden unterwegs.
Jedenfalls wurden heute nachmittags die ausgebesserten Zähne am Empfang abgegeben, mal sehen, ob es diesmal besser ist.
Und ich hab zwischen Nachmittagskaffee und Abendbrot den Beihilfeantrag bearbeitet.
Ganz allein im hohen Alter im Augustinum, das geht einfach nicht. Die dort arbeiten machen ihre Arbeit. Aber sich kümmern, das tun sie nicht.
Der Notrufpieper wurde inzwischen in Ordnung gebracht. Ansonsten war vieles im Schliessfach nach wie vor "langes Fädchen, faules Mädchen".
Aber morgen mach ich mal Pause vom Augustinum, ich fühl mich schlapp. Ich hoffe es reicht aus meinen Verwandten anzurufen.